Die Theater auf dem Weg zum Publikum

Allerorten wird seit Jahren ein Zuschauerrückgang an den Theatern beklagt. Um einen anspruchsvollen Spielplan zu bieten, benötigen sie immer höhere Subventionen. Die Kommunen aber fordern umgekehrt deutliche Kulturvermittlungsinitiativen. Oft frieren sie die künstlerischen Etats der Häuser ein und sehen sich genötigt, weitere Förderungen von einer effektiven Publikumsarbeit abhängig zu machen. Doch wo beginnen, beim Marketing? Braucht das Theater eine andere Performance um Akzeptanz zu finden? Bei der Rezeptionskompetenz? Würden mehr Zuschauer kommen, wenn es verständlicher wäre?
Sicher ist, Marketingstrategien der Wirtschaft sind auf die Kunst nicht übertragbar. Für ein Billett investieren die Zuschauer und Zuschauerinnen nicht nur hohe Geldbeträge. Freizeit ist knapper als Geld, auch und gerade in wohlhabenden Gesellschaften. Was es sicher braucht, ist Vertrauen in die Künstler/innen und die eigene Rezeptionskompetenz.
Für junge Menschen verbindet sich die Frage nach der Teilhabe an der Kultur mit der Vision von der eigenen Identität. Ich bin und erscheine als das, was ich praktiziere und konsumiere. Im Freizeitprogramm der Handy-Generation herrschen permanente Entscheidungsnöte. Das persönliche Kulturprogramm von Schülern, Berufs- und Beziehungsanwärtern ist so entscheidend fürs Ansehen, wie die Frage, ob jemand PC- oder Mac-User ist. Heute ein Eckpfeiler im Selbstkonzept! In derartigen Selbstdefinitionsmustern liegt tatsächlich ein Schlüssel zum Verständnis anderer Entscheidungen fürs Freizeit- und Kulturprogramm: Die Relation zwischen Ästhetik und Benutzerfreundlichkeit, die Einschätzung der Möglichkeiten im Mainstream kompatibel zu sein. Die Motive für freiwilligen Kulturkonsum zu erkennen, ist wichtig, zwangsverordnete Kultur ist schwerlich vermittelbar. Das zeigt ein Blick auf die meistkonsumierten Kulturangebote. TV, DVD, Literatur, auch Besuche von Musicals, oder jene im Kino oder in virtuellen Computer-Welten sind attraktiv. Sich selbst in Theaterabende zu investieren, scheint problematischer. Theater gilt unter Teenagern als fast so unsexy wie die dicken physiotherapeutischen Schaukelschuhe. Gleichgültig, wie gesund oder persönlichkeitsstärkend so ein Angebot sein mag, als Individualdesign ist es ein «no go»! Vernunft ist hier nicht die Maxime. Freizeitgestaltung heisst spätestens seit der Kulturrevolution durch Computer und Handy Suche nach hoher Erlebnisintensität, maximaler Individualität und nach Begegnungschancen. In Sachen Individualität hätte das Theater als höchst subjektives interaktives Ereignis einiges zu bieten, doch umgibt das künstlerische Erzählmedium eine gravierend abschreckende Tatsache: Theater irritiert. Leichte Kost wird nicht serviert. Da lassen Dramaturgen nicht mit sich spassen. So droht sich, ein Aufbruch ins Theater mit dem Gefühl des Morgens ohne Hausaufgaben in die Schule aufzubrechen, zu verbinden. Ein tragisches Missverständnis, abschreckend obendrein. Als coole Selbstperformance fällt Theater damit durch. Ein wichtiger Aspekt gleichwohl für die Vermittlung. Ein Anreiz, Theater zu entdecken, darf keinesfalls mit Verständniserwartungen befrachtet werden. Grundsätzlich gilt, Erlebnis- und Genussfähigkeit kommt vor der Reflektion.

Theater war nie der Renner

Aber war das nicht immer so? Mit dem Einzug des Fernsehens in die Wohnstuben lernte die Nachkriegsgeneration die Codes der eindeutigen Fernsehkommunikation, bevor sie sich, herangereift, auf die Theaterkultur besann. Von der Sesamstrassengeneration musste Theaterrezeption ganz neu entdeckt werden.  «Verführung zum Spiel» hiess die Devise der Ästhetischen Erziehung. Manchem Lehrer sträuben sich heute die Nackenhaare bei dieser Terminologie. Seit den Achtzigern verfügen grosse Dreisparten-theater über theaterpädagogische Abteilungen, die Wahrnehmungskompetenz fördern. Sie bieten den Schulen eine intensive Zusammenarbeit und daneben Spielräume für Laien in deren Freizeit. Erfolgreich bestätigen diese Modelle eine Vermittlungsmaxime: «Wer selbst einmal gespielt hat, verfügt über tiefere Einsichten». Statistisch belegt stellen musizierende Kinder später das Gros der Konzert- und Opernbesucher, verfügen theaterspielende Jugendliche über die Codes der Bühne, lassen sich durch Abstraktionen kaum beirren. Eine Bedingung des Spiels, die Muse, ist mit der Schulrealität schlecht vereinbar. Mit Pisa und Bologna ist in den Bildungseinrichtungen ein neuer Rationalismus eingetreten, der von immer feineren, ausdifferenzierten Zeitrastern der Lehrpläne geprägt ist. Unterrichtsgefässe für eine prozessorientierte Kulturvermittlung sind rar, Freizeitangebote deshalb unverzichtbar.
Martin Frank
Leitet als Theaterpädagoge und Regisseur am Theater Basel die Abteilung vitamin.T. Mit zwölf spezialisierten freien Mitarbeitern bietet diese Einrichtung ein umfassendes Kurs- und Workshopprogramm in Tanz, Schauspiel und szenischem Schreiben an, gestaltet regionale und nationale Festivals und kooperiert intensiv mit Schulen und Hochschulen. Martin Frank ist seit 1995 als Juryvorsitzender künstlerischer Leiter des nationalen Theatertreffen der Jugend in Berlin. Er inszeniert in professionellen Schauspiel- und Opernproduktionen für ein junges Publikum. Im tps, Fachverband Theaterpädagogik Schweiz, ist er seit dessen Gründung aktiv.

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Starthilfe für Projekte

Die Stiftung Felix Rellstab richtet für TPS-Mitglieder eine Starthilfe aus. Der Preis wurde an der GV am 19. März zum ersten Mal vergeben: Die Unterstützung geht an das Junge Theater Graubünden für sein Stück "Parzival". Zum Pressecommuniqué

Höhe der Starthilfe: max. Fr. 5000, Eingabetermin: 15. Okt. 2012

Zum Flyer  mit allen wichtigen Informationen.

 

Fachtagung 2012 am 12. Mai in Biel

Theater in der Migrationsgesellschaft

Gemeinsame Fachtagung von act, astej & tps am 12.Mai in Biel, im Rahmen des SPOT Festivals. Mehr Info: Flyer dt Flyer fr 

Die Gemeinsame Fachtagung von tps und astej hat am 20.11.11 stattgefunden mehr auf: www.tps-fachverband.ch/Schweizer-Fachtagung-Theaterpadagogik

 

Kulturvermittlung in der Schweiz

Link zur ersten umfassenden Informationsplattform für Kulturvermittlung in der Schweiz