Theater-Kulturvermittlung in Basel - Ein Generationsvertrag

In Basel ist eine höchst aktive, professionelle Kulturvermittlungsszene gewachsen, die theaterfeindlichen Tendenzen einiges entgegenzusetzen hat. Freie und angestellte Theaterpädagoginnen und Theaterpädagogen arbeiten hier mit unterschiedlichsten Konzepten und mit allen erdenklichen Zielgruppen.

Theaterpädagogik am Theater Basel

Es ist Freitagmorgen. Im Theater Basel beginnen die Arbeiten auf den drei Hauptbühnen. Auf der grossen Bühne war am Vorabend das Musical «HAIR» mit reichlich Schülerpublikum ausverkauft. Nebenan, im Schauspiel, gabs einen sprachgewaltigen, modern inszenierten Schiller zu sehen, auf der Kleinen Bühne eine Uraufführung des englischen Dramatikers Dennis Kelley. Der Theaterpädagoge macht sich auf den Weg zur Nachbereitung in die Schulen. Das Hippie-Musical um den Vietnamkrieg wird ihn dort nicht beschäftigen. Verständnisprobleme beklagt niemand. Der englische Dramatiker wird von den Schulen wenig gebucht, neue Stoffe finden kaum Nachfrage. Das Publikum solcher Veranstaltungen ist klein und in der Regel sehr Theater erfahren. So bleibt für den Kulturvermittler an diesem Morgen die streitbare Inszenierung der «RÄUBER» als Arbeitsgegenstand. «Nicht verstanden» steht mit Kreide über die Tafel geschrieben, darunter einige Fragen formuliert, die vor allem auf die modernen Erzählformen anspielen. Um die Probleme anzugehen, braucht es Spielraum, aber wenn der Theatermann dazu auffordert, die Tische zur Seite zu rücken, entsteht Unmut. «Wir sind doch Gymnasiasten, keine Kinder». Aber Fragen, die Formentscheidungen, die Wahl der Darstellungsmittel betreffen, lassen sich nachvollziehen, wenn man Formsprachen erforscht. Die Unterrichtszeit mit Experimenten zu verbringen, scheint vielen Schülern verspielte Zeit. Die Interventionen des Gastes müssen sofort packend in Szene gesetzt sein, um Akzeptanz bei diesem Publikum zu finden.

Medien- und TheaterFalle Basel

Um die gleiche Zeit werden in der Medien- und Theaterfalle Basel die Laptops hochgefahren. Seit 1987 gibt es die Theaterfalle Basel, gegründet von Ruth Widmer, die sich zur Aufgabe gemacht hat, die Kommunikation der Bühne als Basis des sozialkompetenten Lernens zu vermitteln. Forumtheater und themenspezifische Projekte machen diese Einrichtung zum Partner von Lehrern mit den Problemstellungen aus der multikulturellen Gesellschaft. Unter der Leitung eines multimedial kompetenten Teams startet die «schwierige» OS-Klasse von 0 auf 100. Statuenspiele werden trainiert, Auftritte kalkuliert, Kameraperspektiven erforscht, kommentierende Musikeinspielungen geschnitten. Bis zum Mittag steht ein Trailer über die Gruppe und ihr Quartier. Theaterformen als Transmitter in einer gleichermassen babylonischen wie autistischen Gesellschaft.

junges theater basel

Auch Uwe Heinrich, Leiter des jungen theater basel, ist Kulturvermittler. An seinem Haus erarbeitet der Regisseur Sebastian Nübling mit zwölf Jugendlichen sein neustes Projekt. Die Darsteller/innen müssen dafür für zwei Monate von der Schule freigestellt werden. Eigentlich unmöglich. Doch nach beeindruckenden Erfolgen aller Vorgänger-Projekte in den vergangenen Jahren sind die Schulleitungen kooperationsbereit. Inszenierungen wie «NEXT LEVEL PARZIVAL» zählen zu den grössten Publikumserfolgen des Basler Sprechtheaters. Produktionen, die bis zu 20.000 meist jugendliche Zuschauer/innen in die Theater lockten, das deutschsprachige Feuilleton in Atem hielten – und all das mit Laiendarstellern.

Die Education-Projekte des Ressort Kultur

Das Ressort Kultur der Stadt Basel überlässt die Vermittlungsinitiativen nicht allein den Theatern. Seit 2006 tritt es selbst als Produzent auf. Mit der Idee, langfristig allen Basler Schülern eine Bühnenerfahrung zu garantieren, ergänzt das Ressort die Angebote der Theater um eine Produktionsplattform, die Schulklassen zu abendfüllenden künstlerischen Produktionen mit den grossen Kulturinstitutionen der Stadt einlädt. Behinderte tanzen mit professionellen Tänzern von Ballettcompagnien, Schüler von Migrationsklassen gestalten einen Abend mit Musikern der Symphonieorchester. Die Medienwirkung ist auch hier gross. Daraus ergibt sich für viele sogenannt kulturfern sozialisierte Basler ein neu definierter Stellenwert von performativer Kunst. Produktionen mit Laien behaupten erfolgreich Hochstatus im Erscheinungsbild der Szene.
Das kulturelle Selbstkonzept ist von den Bedingungen der Sozialisation an sich abhängig. In Basel könnte etwas gelingen, was man mit aller Vorsicht einen generativen Kulturvertrag nennen mag. Jugendliche, die sich, angeregt durch einen der neunzehn Jugendclubs an den Theatern, infiziert durch Theaterworkshops in Schulen oder in der Freizeit auf den Weg ins Theater machen sind keine Einzelgänger. Es gibt eine Community. Clubs, Nachprobentreffs und Theaterreisen belegen, dass Theater attraktiv und selbstverständliches Kulturlebensmittel in dieser Stadt ist. Theater ist kein Ort und kein Bildungsprogramm, es ist ein Teil der Identität. Man darf hoffen. Wer sich aber einlässt, Zeit und Zuwendung in ein potenzielles Publikum investiert, wird Kultur ernten.
Martin Frank
Leitet als Theaterpädagoge und Regisseur am Theater Basel die Abteilung vitamin.T. Mit zwölf spezialisierten freien Mitarbeitern bietet diese Einrichtung ein umfassendes Kurs- und Workshopprogramm in Tanz, Schauspiel und szenischem Schreiben an, gestaltet regionale und nationale Festivals und kooperiert intensiv mit Schulen und Hochschulen. Martin Frank ist seit 1995 als Juryvorsitzender künstlerischer Leiter des nationalen Theatertreffen der Jugend in Berlin. Er inszeniert in professionellen Schauspiel- und Opernproduktionen für ein junges Publikum. Im tps - Fachverband Theaterpädagogik Schweiz ist er seit dessen Gründung aktiv.

Mitgliedschaft

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Starthilfe für Projekte

Die Stiftung Felix Rellstab richtet für TPS-Mitglieder eine Starthilfe aus. Der Preis wurde an der GV am 19. März zum ersten Mal vergeben: Die Unterstützung geht an das Junge Theater Graubünden für sein Stück "Parzival". Zum Pressecommuniqué

Höhe der Starthilfe: max. Fr. 5000, Eingabetermin: 15. Okt. 2012

Zum Flyer  mit allen wichtigen Informationen.

 

Fachtagung 2012 am 12. Mai in Biel

Theater in der Migrationsgesellschaft

Gemeinsame Fachtagung von act, astej & tps am 12.Mai in Biel, im Rahmen des SPOT Festivals. Mehr Info: Flyer dt Flyer fr 

Die Gemeinsame Fachtagung von tps und astej hat am 20.11.11 stattgefunden mehr auf: www.tps-fachverband.ch/Schweizer-Fachtagung-Theaterpadagogik

 

Kulturvermittlung in der Schweiz

Link zur ersten umfassenden Informationsplattform für Kulturvermittlung in der Schweiz